15. Juli 2019

Heimsuchung

Drei Tourentage in der Heimat liegen nun schon wieder hinter mir. Dabei war das Wochenende hinsichtlich des Wetters eher bescheiden. Denn eigentlich wollte ich am Sonnabend mit Freunden zum Elbeschwimmen nach Stadt Wehlen. Angesichts der Temperaturen und in Erwartung von unfreiwilligen Duschen haben wir uns die Aktion jedoch erspart.

Erstaunlich, daß an diesem Tag alternativ trotzdem eine ganz passable Runde mit dem Handbike heraussprang. Dabei hatte ich wirklich das Glück, immer genau dort unterwegs zu sein, wo es gerade nicht regnete. Doch bei der Waschküche brauchte man gar keinen Regen, um komplett naß zu werden. 100% Luftfeuchte, Nebelfetzen und aufliegende Wolken - Wohlfühlklima ist etwas anderes. Die paar Radsportler, die ich unterwegs traf, konnte man jedenfalls an einer Hand abzählen.

Als ich bereits in der elften Stunde das Kirnitzschtal in Richtung Bad Schandau fuhr, wunderte ich mich, daß mir ab dem Lichtenhainer Wasserfall gar keine Straßenbahn begegnete. Überhaupt war sehr wenig Verkehr auf der Straße, und einige Mal bemerkte ich, daß mir Autos wieder entgegenkamen, die mich zuvor überholt hatten. Das Rätsel löste sich bald auf. Unmittelbar nach dem Forsthaus sowie in Höhe des Campingplatzes Ostrauer Mühle waren Schlammlawinen abgegangen. Die Einsatzkräfte beräumten gerade noch die Straße und begutachteten die Schäden. Es sah wirklich beängstigend aus. Solche durch den Starkregen des vorangegangenen Abends verursachten Zerstörungen habe ich in diesem idyllischen Tal noch nie zuvor gesehen. Dabei ist das hier nun schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit passiert. Wenn es so weitergeht, sehe ich für das Kirnitzschtal schwarz. Die Schadensereignisse häufen sich hier nämlich auffällig.

Am Sonntag fuhr ich ziemlich ins Blaue. Draußen war es immer noch grau und feucht, deshalb machte ich mir vorher keine Pläne. Schließlich erarbeitete ich mir Stück für Stück die Tour, dabei immer nur die grobe Peilung für die nächsten 15 - 20 km im Auge. Auf dem ersten Drittel der Runde sammelte ich Höhenmeter im Osterzgebirgsvorland, danach querte ich das Elbtal und rollte anschließend mit dem Wind im Rücken rechtselbisch bis Radeberg, bevor ich endlich südwärts nachhause abbog. Unter diesen Bedingungen reichte das völlig aus. Die Heldentaten hebe ich mir für später auf.

Heute nun konnte ich über den Kamm einen Vorstoß ins Böhmische unternehmen. Es war zwar immer noch ein kühler Tag ohne Sonne, doch wenigstens nicht so feucht, wie am Wochenende. Vorher suchte ich mir noch ein paar Anstiege zusammen, ehe ich dann wieder mal auf meiner Standard(renn)strecke über Eulau (Jílové) ins Elbtal und dort danach zurück in die Heimat fuhr.

Blick vom linksseitigen Elberadweg zum Vorderen
Torstein in den Schrammsteinen (Aufnahmeort)
Diesmal kletterte ich sogar nach Tetschen (Děčín) noch einmal hinauf bis Mittelgrund (Prostřední Žleb). Bis das heutige Teilstück des Elberadwegs gebaut wurde, mußten Radler immer diesen Anstieg auf sich nehmen, wenn sie nicht kilometerweit auf einer schlechten Schotterpiste bzw. einem Wiesenpfad fahren wollten. Von Westen her erwartete die Pedaleure dabei auf dem schmalen Asphaltsträßchen sogar eine echt brutale Steilrampe, die ich nie in einem Zug geschafft habe. Jetzt fährt man hier oben ganz allein, bis auf den geringen Anlieger-Kraftverkehr kommt hier niemand mehr vorbei. Und das alles nur paar Minuten abseits vom Trubel auf dem beliebten Flußradweg.

Drei Tage, 350 km und 3500 Hm. - Vor genau einem Jahr war ich auf meiner Rundfahrt rund um den Mont Blanc (s.a. Bericht). Heuer wird es wohl noch ein Weilchen bis zu meiner Alpenfahrt dauern. Ich hoffe, ich muß das Vorhaben nicht abblasen, weil es dafür dann zu spät ist. Aber es gibt vorher noch eine ganze Menge zu organisieren. Ob ich das schaffe?

In einem Monat bin ich schlauer ...

Track der Handbiketour vom 13.07.2019
Track der Handbiketour vom 14.07.2019
Track der Handbiketour vom 15.07.2019

8. Juli 2019

Am Ende dieser Tage

Mein Kuraufenthalt in der Median-Klinik Bad Tennstedt neigt sich dem Ende entgegen. Schon am nächsten Wochenende werde ich meine Kreise wieder in der Heimat ziehen.

Davor ging es aber noch einmal hoch hinauf. Beim Gespräch mit einem fahrradbegeisterten Therapeuten stellte sich nämlich heraus, daß ich den Großen Inselsberg im Thüringer Wald sowie den "Rennsteig" genannten Kammwanderweg des Mittelgebirges durchaus in eine Rundtour einbinden konnte. Meine hiesigen Handbike-Aktivitäten mit dem 916 m hohen Gipfel zu krönen, war also naheliegend.

Der trigonometrische Punkt erster
Ordnung auf dem Großen Inselsberg
(Hommage an meinen Arbeitgeber,
Aufnahmeort)
Die Anfahrt verlief wenig spektakulär, doch am Ortsende von Bad Tabarz zog die Steigung dann beinahe schlagartig an. Wieder grüßte mich ein 8%-Steigungsschild. Scheinbar gab's für den Freistaat Thüringen Mengenrabatt bei der Beschaffung - nirgendwo sonst habe ich bisher so viele solcher Verkehrsschilder gesehen. Dabei waren die ersten zwei Kilometer der Rampe wesentlich steiler. Auch die eigentliche Stichstraße zum Gipfel (s. Track vom 06.07., km 60,0 - 61,4) erforderte noch einmal vollen Einsatz. Die alte und fast durchgängig steile Straße mit z. T. verworfenen und großfugigem Granitsteinpflaster zwang mich mehrmals zu Atempausen.

Leider erwarteten mich auf den anschließenden Offroad-Abschnitten bis zur Neuen Ausspanne (s. Track vom 06.07., km 63,9 - 66,7 sowie 68,5 - 77,8) auch wieder endlos lange Schotterpassagen, die mir den Spaß (und die Durchschnittsgeschwindigkeit) gründlich verdarben. Dabei hatte ich noch Glück: während einer Pause vor dem zweiten Teilstück empfahlen mir nämlich zwei einheimische Mountainbiker eine wesentlich gängigere Streckenvariante, welche ich dann auch gefahren bin. Belohnung war danach die sausende Abfahrt bei nahezu optimalem Gefälle bis Tambach-Dietharz und dann weiter auf dem separaten Apfelstädt-Radweg.

Kurz hinter Georgenthal trafen mich die zwei Mountainbiker wieder, welche oben eine ausgiebige Mittagspause in einem Berggasthof gemacht hatten. Es war sehr angenehm, mit ihnen zu schwatzen, denn sie begleiteten mich noch ein Stückchen und wiesen mir dann beim Abschied noch den Weg. Es war der gleiche, den ich nehmen wollte.

Den Wind im Rücken und nur noch eine nenneswerte Steigung - eigentlich hätte ich entspannt sein können. Doch die Zeit drückte, weil ich unbedingt zum Abendbrot zurück in der Klinik sein mußte. Die Offroad-Abschnitte im Thüringer Wald hatten mich viel Zeit gekostet, beinahe zu viel. Deshalb drückte ich nun, was der Körper noch hergab, in die Kurbeln. 17.30 Uhr war ich zurück.

Die Nacht kurz, und trotzdem am Morgen frisch. Erstaunlicherweise war die anstrengende Tour des Vortages kräftemäßig für mich nahezu folgenlos geblieben. Am Sonntag stand sowieso nur noch eine entspannte Ausrolltour auf dem Plan. Einmal rund um Bad Tennstedt, mit Sömmerda als einziger größerer Ortschaft und dem Unstrut-Radweg im letzten Drittel der Runde. Die einzigen nennenswerten Anstiege lagen dabei bereits nach der Hälfte der Strecke hinter mir. Doch auch auf dieser Runde bremsten mich mehrere schlechte Streckenabschnitte aus, die zahlreichen Pflasterstraßen durch kleinere Ortschaften mal gar nicht mit eingerechnet.

Typisches Panorama über das Land zwischen Thüringer Wald und Harz (Aufnahmeort)
Solche Bedingungen, wie ich sie hier beim Radfahren öfters vorfand, hätte ich in Thüringen nicht erwartet. Aber abseits der Hauptstraßen und der touristischen Sehenswürdigkeiten ticken auch hier die Uhren ganz anders. Bei manchem abgelegenen Dorf kam ich mir vor, wie in einer anderen Zeit. Landflucht scheint auch hier ein Thema zu sein.

Die letzten Kilometer nach Bad Tennstedt ärgerte mich kräftiger Gegenwind, doch irgendwann war auch das vorbei. Als letzte Aktion im Handbike fuhr ich schließlich auf den Österberg oberhalb von Bad Tennstedt. Dort soll es einen Grabhügel mit vorchristlicher Kultstätte geben. Gesehen habe ich davon jedoch nichts.

Ich werde es überleben.

Track der Handbiketour vom 06.07.2019
Track der Handbiketour vom 07.07.2019

Übersicht aller Touren ab Bad Tennstedt

5. Juli 2019

Artikel in der Sächsischen Zeitung vom 05.07.2019

In den vergangenen drei Monaten gab es in der Sächsischen Schweiz überdurchschnittlich viele tödliche Abstürze beim Bergsteigen. Das wird inzwischen auch von der regionalen Presse ausgewertet.

In diesem Zusammenhang ist auch der nachfolgende Artikel zu sehen. Da ich zuhause ziemlich präsent bin und nicht nur den Medien bekannt ist, daß ich mein Handicap ebenfalls durch einen Kletterunfall erworben habe, bat mich eine Mitarbeiterin der Sächsischen Zeitung um ein Interview zum Thema.

Nun kann ich allerdings leider schon lange nicht mehr klettern und bin deshalb über die ganz aktuellen Entwicklungen in der Szene nicht informiert. Trotzdem beschäftigt mich gerade aufgrund meines Unfalls die anhaltende Diskussion um die sächsische Kletterethik. Denn nach wie vor zähle ich mich zu den Traditionalisten, die gegen eine Aufweichung der durchaus strengen Regeln unserer Altvorderen sind und in den hohen Anforderungen an die Psyche (unter Kletterern sinnigerweise auch "an die Moral" bezeichnet) das für meine Heimat Spezifische sehen, welches nicht den Vorstellungen der modernen Spaßgesellschaft geopfert werden darf. (Siehe dazu auch meinen Beitrag für den Kletterkalender 2016 von Mike Jäger.)

Nicht zuletzt deswegen habe ich mich also zum Gespräch bereiterklärt. Da ich den Text vor dessen Veröffentlichung auf inhaltliche Richtigkeit überprüfen konnte, gibt dieser Beitrag tatsächlich meine Meinung wider. Zwar etwas verkürzt, weil eigentlich noch viel mehr darüber zu sagen wäre. Aber doch so, daß ich mich damit identifizieren kann.

Hier nun der Artikel zum Nachlesen (das Anklicken der Vorschaugraphik öffnet das Bild in einer neuen Ansicht, eine Vergrößerung ist über die Option "Link in neuem Tab öffnen" mit der rechten Maustaste optional möglich).

30. Juni 2019

Weichgekocht

Die Hitze hat das Land fest im Griff. Zwar konnte ich wegen meines frühen Starts immer noch viele Kilometer bei erträglichen Temperaturen fahren, doch spätestens in der zehnten Stunde war die Schonzeit vorbei. Dann half nur noch Schatten, am besten durch ein größeres zusammenhängendes Waldstück.

Monet'sche Mohnfelder auf dem Weg nach Keula (Aufnahmeort)
Freilich ist das bei meinen Touren bisher eher Mangelware gewesen. Aber meine heutigen beiden großen Anstiege auf die Höhenzüge des Dün (s. Track vom 30.06., km 33,9 - 36,5) und der Hainleite (s. Track vom 30.06., km 59,0 - 62,0) verliefen zu einem großen Teil in angenehm kühlem Wald und machten diese Kilometer um einiges erträglicher. Wobei mir allerdings vor allem der nordseitige Anstieg auf die Hainleite von Kleinfurra nach Straußberg ordentlich einheizte. Auch an dieser Straße steht eines der beinahe schon obligatorischen 10%-Steigungsschilder, doch waren es in Abschnitten zur Abwechslung mal mehr. Oder kam es mir nur wegen der Hitze so vor?

Jedenfalls entschloß ich mich noch vor Großenehrich, dem Leiden ein Ende zu setzen. Statt - wie geplant - im großen Bogen wieder zum Ausgangsort zurückzukehren, wählte ich schließlich die Direktvariante. Gerade so viel, um mein Minimalsoll abzuhaken. Noch vor halb zwei hatte ich's dann überstanden. Inzwischen zeigte das Thermometer 35°C im Schatten ...

Auf meiner Sonnabend-Tour ging es wesentlich moderater zu. Sowohl, was die Temperaturen betraf, als auch hinsichtlich der Steigungen. Die ersten 35 km führten nur durch flaches Terrain - gut zum Warmfahren und gut zum Meter machen. Morgens brauchte ich bei ca. 10 - 12°C nämlich immer noch eine Jacke.

Spätestens beim Anstieg auf den Ettersberg zum Konzentrationslager Buchenwald erreichte ich dann meine Betriebstemperatur. Leider hatte ich mich vorher ungenügend informiert, und die Ausschilderung vor Ort half mir nicht unbedingt weiter. Die wichtigen Orte der Erinnerung verpaßte ich deshalb auf meiner Suche. Am Ende wollte ich wenigstens noch zur Aussicht am Glockenturm. Nachdem mehrere Anläufe scheiterten, barrierefrei zum Turm zu gelangen, gab ich entnervt auf. Anderswo wird für Rollifahrer ein möglicher Zugang durch Wegweiser ausgewiesen - hier habe ich das vermißt. Bei solch einem unübersichtlichen Gewirr von Treppen und Stufen wäre das aber dringend anzuraten.

Später in Weimar und danach in Erfurt wurde ich auch nicht so richtig glücklich. Allerdings lag das nun wirklich an mir. Es war wohl vermessen, zu glauben, die weitläufigen Stadtzentren einfach mal eben schnell im Handbike erkunden zu können. Dabei überzeugte mich der erste Eindruck sofort! Beide Innenstädte verfügen über das Flair, um hier auf längere Erkundungstour im Rollstuhl zu gehen. Wenn mir jedoch als Handbiker die Zeit im Nacken sitzt, bleibt der Genuß auf der Strecke. - Na, vielleicht werde ich ja mal wieder zu einer Talk-Show nach Erfurt eingeladen ... 😉 Dann würde ich mir unbedingt Zeit für einen gepflegten Stadtrundgang nehmen.

Für den Rückweg habe ich ab Erfurt auch etliche Kilometer den Nessetal-Radweg genutzt (s. Track vom 29.06., km 86,0 - 111,1). Der war auf diesem Teilstück nahezu komplett asphaltiert und ließ sich daher - weit abseits vom Kraftverkehr - sehr gut befahren. Nur bei den Ortschaften wurde es wieder ähnlich, wie ich es vor Jahren in Mecklenburg erlebt hatte: Auf Nebenstrecken endet der Asphalt nicht selten am Ortseingang und beginnt erst wieder am Ende des Dorfes. Weil sich das Granitsteinpflaster dazwischen meist nicht auf glatten Gehwegen umfahren läßt, wird dadurch das Bike und natürlich auch der Fahrer gründlich durchgeschüttelt. Meine Begeisterung dafür hielt sich in Grenzen.

Die letzten knapp 30 km zogen sich wieder etwas in die Länge, doch war der gewählte Streckenverlauf immer noch der entspannteste Heimweg. Obwohl es an diesem Tag noch nicht so heiß wie heute wurde, rannen auf diesem letzten Viertel zuletzt fast alle Flüssigkeitsvorräte, die ich mir so lange aufgehoben hatte, durch die Kehle. Aber sobald ich einmal damit anfange, verkürzen sich die Trinkpausenabstände immer mehr. Das ist vielleicht auch eine Kopfsache - doch möchte ich gern diejenigen kennenlernen, welche unter diesen Bedingungen auf 140 km mit nur 2,5 l Flüssigkeit klarkommen.

Sehr viele dürften das nicht sein.

Track der Handbiketour vom 29.06.2019
Track der Handbiketour vom 30.06.2019

24. Juni 2019

Keine Kompromisse

Das zweite Wochenende meines Rehaaufenthalts in der Median-Klinik Bad Tennstedt liegt hinter mir. Natürlich war ich wieder an beiden Tagen mit dem Handbike unterwegs.

Gleich am Sonnabend stand bei mir das nächste bedeutende Ziel auf dem Tourenplan: die Wartburg bei Eisenach. Es wird wohl im Jahr 2000 gewesen sein, daß ich dort zuletzt - damals bereits im Rollstuhl - gewesen bin. Wieder startete ich sehr früh (meine Schwester nennt das "senile Bettflucht"). Dabei sollte es tagsüber gar nicht übermäßig warm werden. Doch etwas Zeitpuffer nach hinten raus ist mir immer lieber.

Inzwischen lasse ich mich nicht mehr von der Radwegekarte leiten, sondern fahre meist auf den regulären Straßen. Das ist angesichts des geringen Verkehrs prinzipiell auch kein Problem, denn selbst auf den hiesigen Bundesstraßen herrscht oftmals gähnende Leere. Auch gut.

Jedenfalls kam ich dadurch sehr gut voran, so daß 9.00 Uhr schon die ersten 50 km hinter mir lagen. Die Fahrt von Langula über den Hainich hinunter ins Werratal nach Nazza und weiter bis Mihla war dabei - was die Strecke betrifft - endlich mal so, wie ich es mir wünsche: abwechslungsreich mit fordernden und auch entspannten Abschnitten (s. Track vom 22.06., km 38,0 - 51,5). So richtig häßliche Rampen scheint es hier sowieso nicht zu geben, weshalb vermutlich schon an Bergen mit 8% Steigung Warnschilder stehen.

Am Beginn der Auffahrt zur Wartburg kündigte mir dann aber ein Verkehrsschild 15% Steigung an. Das schien allerdings ziemlich übertrieben, es waren wohl eher so um die 12%, und das nur auf ca. 300 m. Ab den Besucherparkplatz direkt unter der Burg ist die Straße eigentlich für Fahrräder gesperrt, doch ich setzte mich über das Verbot hinweg. Schließlich ist bei Radtouren ja mein Handbike der Rollstuhlersatz. Diese letzten 500 m bis zum Burgtor verlangten jedoch tatsächlich meinen vollen Einsatz. Auf einer Pflasterstraße ging es zunächst steil aufwärts, bis nach der letzten Rechtskurve quasi eine Wand vor mir stand. Bei glattem Straßenpflaster mit mindestens 18% Steigung (wahrscheinlich sogar mehr) auf 30 - 40 m Länge verlor das Vorderrad sogar zeitweise die Traktion. Nur mit einigen Fahrtricks konnte ich mich in flacheres Gelände retten.

Vor der Wartburg oberhalb von Eisenach (Aufnahmeort)
Aber es hat sich gelohnt. Als ich mich nach ausgiebiger Fotopause vor dem Burgtor entschloß, noch in die Burg zu fahren, stellte ich überrascht fest, daß dafür kein Eintritt erhoben wird. Das krasse, unbedingt positive Gegenbeispiel zum Kyffhäuser ... Die Innenhöfe der Wartburg waren dabei größtenteils barrierefrei zugänglich - ein weiterer Grund, weshalb ich den Besuch für Rollifahrer nur empfehlen kann. Vom Besucherparkplatz zum Burgtor gibt es außerdem einen Shuttleservice, den ganz sicher auch mobilitätseingeschränkte Besucher nutzen können. Ob das etwas kostet (vermutlich ja), kann ich allerdings nicht sagen. Doch das ist eigentlich unerheblich.

Solcherart gutgelaunt gestaltete sich der Rückweg meist recht entspannt. Zwar fuhr ich nun bei leichtem Gegenwind durch waldloses Gelände, zwar kamen auch hier wieder langweilige, weil schnurgerade Straßen mit einigen weiteren langgezogenen Anstiegen (zum Schnellfahren zu steil, zum schnell an Höhe gewinnen zu flach), am positiven Gesamterlebnis konnte das jedoch nichts mehr ändern. Endlich.

Meine darauffolgende Tour am Sonntag hatte ich als Entspannungsrunde konzipiert. Ursprünglich wollte ich zur Arche Nebra, wo die bekannte Himmelsscheibe zu sehen ist. Da ich mit meinem Handbike sowieso nicht die Ausstellung besuchen konnte und ich den möglichen Abstecher zum  Fundort auf dem Mittelberg gar nicht auf dem Radar hatte, wählte ich als Ziel letztlich nur den Höhenzug der Hohen Schrecke. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig darüber. Zwar wären es dann wahrscheinlich 30 km mehr geworden, doch gerade die Fahrt auf den Mittelberg hätte interessant werden können. - Na ja, dann wird es eben später mal.

So gestaltete sich der Rückweg nach Bad Tennstedt, wie auch schon die Anfahrt: nämlich als ziemlich monotones Kilometerfressen. Lediglich der Abschnitt zwischen Wiehe und Schafau (s. Track vom 23.06., km 67,4 - 77,4) hob sich vom gleichförmigen Einerlei ab. Es gibt eben keinen Kompromiß: Entweder man fährt auf Radwegen mit teils schlechtem Untergrund und kommt deswegen nur langsam voran, ODER man rollt flott und ohne Umwege auf perfekt ausgebauten, aber ätzend monotonen Straßen durch eine Landschaft, die etwa so spannend ist, wie das Lesen eines Telefonbuchs.

Hier werde ich ganz gewiß keinen Radurlaub machen!

Track der Handbiketour vom 22.06.2019
Track der Handbiketour vom 23.06.2019

18. Juni 2019

Schatzjagd

Meine Tischnachbarin der vergangenen Woche stammt aus dem Erzgebirge und ist eine echte Powerfrau. Nicht nur, daß sie beruflich gut ausgelastet ist. Neben der Landwirtschaft eines großen Hofes im Nebenerwerb, die sie mit Mann und Tochter betreibt und neben den vielen Aufgaben im Alltag, frönt die ganze Familie außerdem noch dem Geocaching. Und zwar nicht mal eben bei Gelegenheit, sondern so richtig mit ambitionierten Zielen.

Viele kleine Einzelverstecke muß der Geocacher erst finden,
bevor er die Lage des Bonus-Caches ermitteln kann
Damit lag sie natürlich genau auf der gleichen Wellenlänge wie ich. Kein Wunder, daß wir uns sofort gut verstanden. Menschen, die so zielstrebig und dabei gelassen sind, bewundere ich. Denn da war nichts von Verbissenheit zu spüren - eher das gleiche innere Lächeln im Geiste, welches ich erstrebe.

Vor ihrer Abreise am Dienstagmorgen ergab sich gestern dann doch noch die Gelegenheit zu einer kurzen gemeinsamen Geocaching-Runde, auf der ich mir ihr Hobby erklären ließ. Es kann nie schaden, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Schon gar nicht in angenehmer Gesellschaft. Das, was ich dabei gesehen habe, war sehr interessant. Vor allem beeindruckte mich die Hingabe, mit der die Ersteller der Geocaches (Cache-Owner genannt) ihre Verstecke anlegen und ausgestalten. Gefiel mir bereits der Bonus-Cache, den mir meine Begleiterin auf der Tour zeigte, ganz gut, so erfuhr ich, daß im heimischen Erzgebirge manchmal noch viel kreativere, bisweilen sogar künstlerisch ausgestaltete Depots anzutreffen sind.

Bühne frei im Bonus-Cache bei allen gefundenen Einzeldepots!
Wie ich auf unserer Tour gelernt habe, geht es also nicht immer nur darum, den machmal ziemlich schwierig zu erreichenden Cache zu finden und "abzuhaken" oder überhaupt erst einmal dessen Koordinaten zu ermitteln. Ein bißchen Drumherum um die Suche darf auch sein, manchmal sogar mit einem guten Schuß Humor. Zum Beispiel steckte die Cachedose in einer Plastiktaube dort, wo in natura die Verdauungsendprodukte den Körper verlassen.

Es war ein richtig schöner Abendspaziergang, so ganz anders, als wenn ich allein durch die Gegend streife. Schade, daß es nur für einen gemeinsamen Ausflug gereicht hat.

Solche Menschen begegnen mir leider viel zu selten.

16. Juni 2019

Stückwerk

Heute sollte es auf Entspannungstour gehen. Der Tag fing auch gut an, denn beim Losfahren erwartete mich nicht nur ein angenehm frischer Morgen ohne Wind, sondern auch der prima ausgebaute "Kneipp und Kleinbahn Radweg - K2". Der verläuft - wie der Name schon sagt - auf einer ehemaligen Bahnstrecke, und zwar recht abwechslungsreich abseits der Ortschaften.

Leider endete in Großwelsbach der Asphaltbelag ziemlich abrupt. Ich hatte den Eindruck, daß genau an dieser Stelle die Fördermittel zum Ausbau des Radweges aufgebraucht waren. Das Geholper über die restlichen drei Kilometer auf dem Bahndamm ersparte ich mir und wechselte zur parallel verlaufenden Straße.

In Oberdorla steht eine (liebevoll restaurierte) Mühle
wie aus dem Bilderbuch (Aufnahmeort)
In Thamsbrück bog ich auf den Unstrut-Radweg ein, welcher hier sehr entspannt zu fahren war. Allerdings hatte es sich inzwischen ziemlich zugezogen, und dunkle Wolken drohten. Für die nächsten zwei Stunden begleitete mich nun öfter mal leichter Nieselregen, doch zum Glück blieb es dabei. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt durch Mühlhausen - der Stadt, in welcher Thomas Müntzer wirkte - wandte ich mich südwärts in Richtung Nationalpark Hainich. Nach dem Regenradar meines Smartphones näherten sich bedrohlich kompakte Niederschlagsgebiete meinem Tourengebiet, also sputete ich mich. Endlich waren wieder einmal kilometerlange schnurgerade Straßenabschnitte überstanden und ich rollte in Kammerforst an der Grenze des Nationalparks ein.

Dort endete der radfahrerfreundliche Belag. Auf 1,5 km alte Granitpflasterstraße folgten weitere sieben Kilometer teils schotterig ausgewaschene Forstwege durch das Schutzgebiet. Selbst die Radrouten inmitten des heimatlichen Nationalparks Sächsische Schweiz sind da von besserer Beschaffenheit! - Nein, die Fahrt durch den Hainich war wirklich nicht der erhoffte Höhepunkt des Tagesausflugs. Schließlich lag am Cralauer Kreuz (s. Track vom 16.06., km 62,4) der ganze Schotter hinter mir. Der darauffolgende Abschnitt entschädigte mich jedoch reichlich für das vorangegangene Ungemach. Von der leicht abfallenden, asphaltierten Straße hatte man einen großartigen Blick nach Norden. Leider war es ziemlich trüb, doch an Tagen mit Fernsicht muß die Aussicht umwerfend sein.

Bis nach Langensalza ging es auf asphaltierten Straßen nur bergab, eine Fahrt, die endlich wieder richtig Freunde machte. Ich hoffte tatsächlich, den verlorenen Boden wieder gutmachen zu können. Auch von der Wetterfront gab es Gutes zu berichten, denn immer noch war ich dem Regen ein paar Kilometer voraus. Bad Langensalza ist übrigens ein wirklich hübsches Städtchen, wie ich bei meiner zweiten außerplanmäßigen Stadtrundfahrt feststellte.

Gerade, als ich mich auf ein entspanntes Rollen auf dem Unstrut-Radweg einstellte, wurde ich ab Nagelstedt unsanft in die Realität zurückgeholt. Die Tour führte nun zwar durch ein wahrhaft arkadisches Tal (s. Track vom 16.06., km 84,4 - 90,3), allein, die Radtrasse war einmal mehr eine Zumutung. Liebe Radwegeverantwortliche der Region: So wird das nichts! Von einem überregionalen Radweg erwarte ich etwas anderes ...

Es war nun schon die zweite Tour im Gebiet, die teilweise nicht dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte. So begeistert ich nämlich bei der Vorbereitung zuhause vom Radroutenplaner Thüringen mit seinen vielen eingezeichneten Radwegen (Karte vergrößern!) war: Wenn der überwiegende Teil der Radwege einfach nur Schrott ist, nimmt man den Rest auch nicht mehr ernst.

Für das nächste Wochenende werde ich wohl besser meine Erwartungen etwas dämpfen ...

Track der Handbiketour vom 16.06.2019