29. Juli 2019

Geständnis

Ja, ich habe getrickst! Als ich am Sonnabend meine Heimatstadt Pirna wieder erreichte, standen erst 190 km auf dem Tacho. Doch nachdem ich mehrmals während der Tour von der Planung abgewichen war, um die Strecke auszudehnen, wollte ich unbedingt die Distanz für einen Langen Kanten erreichen. Das sind mehr als 200 km. Nur deswegen habe ich schließlich noch eine kleine "Stadtrundfahrt" angehängt.

Eigentlich stand für den ersten Tag des Wochenendes wieder mal der Orgelpfeifen-Radweg (Cyklostezka Varhany) auf der Wunschliste, einer der schönsten Bahntrassenradwege, den ich in meinem heimatlichen Einzugsgebiet kenne. Er steigt von Böhmisch Leipa (Česká Lípa) leicht und gleichmäßig bis nach Steinschönau (Kamenický Šenov) an und überwindet dabei auf einer Länge von reichlich 17 km immerhin 300 Höhenmeter. Ich bin ihn vorgestern allerdings erst ab Manisch (Manušice) gefahren, deswegen 3,5 km weniger (s. Track vom 27.07., km 109,9 -123,6).

Diesmal startete ich wirklich sehr früh, hauptsächlich, um der erwarteten Hitze zu entgehen. Da zeigte die Uhr 3.20 Uhr. Als ich aber bereits gegen 5.30 Uhr auf tschechische Seite die Straße hinunter nach Tetschen (Děčín) erreicht hatte, schoß mir ein Gedanke durch den Kopf. Es dauerte einen Moment bis zur Verarbeitung, dann wendete ich mein treues Pferd und fuhr den ersten Extrazacken auf den Hohen Schneeberg (Děčínský Sněžník). Es rollte prächtig. Ohne ein einziges Mal abzusetzen, benötigte ich für die Rampe zum Gipfel (lt. Strava 114 Hm auf 1,05 km) nur 17:29 min. Ein toller Tagesbeginn!

Ein Hingucker und an heißen Tagen sehr beliebt:
Pitná voda (Trinkwasser, Aufnahmeort)!
Die nächsten 80 km galt es hauptsächlich, Strecke zu machen und zum eigentlichen Ziel zu gelangen. Dabei war es freilich durchaus nicht langweilig, denn die Fahrt durch das Tal des Polzen (Ploučnice) von Tetschen in Richtung Böhmisch Leipa ist immer wieder schön. Der Wasserspender in Oberpolitz (Horní Police) kam mir dabei zum ersten Nachtanken sehr gelegen. Überhaupt war es gut, daß ich an diesem Tag zweimal meine Trinkvorräte auffüllen konnte - das zweite Mal (mit Hilfe durch Fußgänger) auf der alten Bahnstrecke ungefähr bei km 118. Bis zum Ende der Tour verbrauchte ich rund 4,5 l. Darüber hinaus hat mir übrigens auch wieder meine Wunderwaffe geholfen, die meist bei solch anstrengenden Unternehmungen zum Einsatz kommt.

Auf dem zweiten Scheitelpunkt der Fahrt beim Herrenhausfelsen (Panská skála) fühlte ich mich immer noch leidlich gut in Form, so daß ich während der folgenden Abfahrt den Entschluß faßte, via Dittersbach (Jetřichovice) zurück ins Elbtal und damit einen weiteren Umweg zu fahren. Soviel mehr Höhenmeter als über Rosen- (Růžová) und Jonsdorf (Janov) dürften das auch nicht gewesen sein.

Die letzten 40 km - geschenkt! Für viele, vor allem etliche Elbradweg-Rennfahrer bzw. Radtouristen, ist das schon ein eigenständiger Ausflug.

Gestern stand dann nur eine kurze Ausrolltour an. Schließlich wollte ich nach dem vergleichsweise späten Start zur Kaffeetrinkerzeit wieder zuhause sein. Auch in Bezug auf die Höhenmeter wollte ich mich zurückhalten. Kurzfristig entschied ich mich also für das Kirnitzschtal, weil an diesem Wochenende dort gefeiert wurde. Als ich dort allerdings in der zehnten Stunde entlangfuhr, war im Tal noch tote Hose. Irgendwie hatte ich beim Passieren der Verkaufsstände trotzdem den Eindruck, daß diese Veranstaltung inzwischen auch einen Grad der Beliebigkeit erreicht hat, der für viele dieser Aktionen mit ursprünglich viel Potential typisch ist, sobald es ums Geldverdienen geht. - Na ja, für die Spaßbürger reicht es ...

Ganz ohne Scheu - zwei Stuten mit ihren Fohlen (Aufnahmeort)
Beim Anstieg aus dem Kirnitzschtal nach Ottendorf und weiter in Richtung Sebnitz machte mir die schwülwarme Witterung immer mehr zu schaffen. Dabei hatte ich eigentlich die Anstrengungen der Sonnabendtour erstaunlich gut verkraftet! Mein Formtief war erst wieder nach der Durchquerung des Polenztals überwunden, wo ich ein paar Minuten rastete, um zwei Stuten mit ihren Fohlen zuzusehen. Ein schönes, wundervoll friedliches Bild!

Danach war es für diesen zweiten Tourentag genug. Auf den langen Abfahrten holte ich schließlich meinen Virtual Partner, den ich auf 15,2 km/h eingestellt habe, wieder ein. Der Abstecher nach Pillnitz diente nur noch der Ergebniskosmetik. Wenn es schon keine 1000 Hm mehr werden würden, dann sollte wenigstens die Grenze zur Mittelstrecke überwunden sein.

Auf dem Elbradweg mußte ich zur "besten" Fahrradfahrerzeit glücklicherweise nur noch 10 Kilometer absolvieren. Beim Schlag der Rathausturmglocke zur dritten Nachmittagsstunde saß ich schon wieder in meinem Rollstuhl.

Track der Handbiketour vom 27.07.2019
Track der Handbiketour vom 28.07.2019

22. Juli 2019

Ungebremst?

Derzeit rollt es richtig gut! Doch vielleicht hat das auch einen ganz einfachen Grund. Beim letzten Bremsbelagwechsel Anfang Juli justierte ich nämlich meine Scheibenbremse nach. Denn die Beläge waren unterschiedlich stark abgenutzt (wenn auch nur im Mikrometerbereich), was auf einen unterschiedlichen Abstand zur Bremsscheibe hindeutete, vielleicht sogar auf leichten Kontakt. Fakt ist, daß ich seit dieser Aktion wesentlich schneller unterwegs bin - bis natürlich auf meinem Ausflug zum Großen Inselsberg, wo mich der schotterige Rennsteig und Pflasterstraßen arg ausbremsten.

Am Sonnabend wollte ich zwar meinen ehemaligen Arbeitskollegen auf seiner Hausbaustelle besuchen, doch davor hatte ich mir wieder mal eine größere Runde vorgenommen. Weil es dabei bis ins Lausitzer Gebirge ging, erwarteten mich natürlich etliche anspruchsvolle Anstiege. Doch das Wetter spielte sehr gut mit. Gerade vormittags waren die Temperaturen perfekt, so daß ich sehr gut vorankam. Bereits gegen 12 erreichte ich nach der Durchquerung des Schluckenauer Zipfels (Šluknovský výběžek) über den Grenzübergang Rosenhain (Rožany) in Hohberg wieder die deutsche Seite. Da lagen schon alle langen Auffahrten hinter mir.

Die letzten 60 km waren nur noch eine Fleißaufgabe. Weil ich immer noch sehr gut in der Zeit lag, konnte ich es mir leisten, bei Micha einen längeren Zwischenstop einzulegen. Es gab etliches zu bereden, doch dabei verging die Zeit wie im Fluge. Ganz zum Schluß fuhr ich noch ein paar Umwege, um die Grenze zur Langstreckendistanz bei 150 km zu knacken. Mit über 1700 Höhenmetern hatte ich das Klettersoll sowieso schon längst geschafft. Als ich schließlich zum abendlichen Glockenläuten daheim einrollte, konnte ich sehr zufrieden sein. Trotz der (in der ersten Hälfte) sehr anspruchsvollen Strecke stand immer noch eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15,5 km/h zu Buche. Prima!

Für meine Sonntagstour hatte ich keine festen Pläne. Anfangs wollte ich ja in Richtung Osterzgebirgsvorland fahren. Doch nachdem ich auf dem Niederschlagsradar einen fetten blauen Regenklops dorthin ziehen sah, verlegte ich meine Tour auf die Gebiete nördlich der Elbe. Es war die richtige Entscheidung. Während meiner Auffahrt aus dem Elbtal von Stadt nach Dorf Wehlen streifte mich nur ein kurzer Ausläufer des Gewitters, welches sich auf der anderen Seite des Flusses entlud.

Postkartenidyll mit der Reitzendorfer Windmühle (Aufnahmeort)
Auch später zogen noch ein paar einzelne Regenschauer durch's Land, doch kamen sie mir nie mehr zu nahe. Die Strecke selbst bot zwar keine besonderen landschaftlichen Höhepunkte, war jedoch nach dem durchaus herausfordernden Wochenendauftakt eine recht lockere Ausrolltour. Weil bis Radeberg immer noch keine 1000 Hm auf dem Fahrradcomputer standen, hängte ich noch den kleinen Zacken über das Schönfelder Hochland dran. Evtl. wäre ich sonst noch auf den Triebenberg gefahren, doch nach der kurzen und garstigen 13%-Rampe von Reitzendorf nach Zaschendorf (s. Track vom 21.07., km 101,5 - 102.1) hatte sich das jedenfalls erledigt.

Nun mußte ich nur noch die letzten Meter der Straße nach Pillnitz - eine mörderische, rennradreifenfressende Granitsteinpflaster-Schüttelpiste von ca. 200 m Länge (s. Track vom 21.07., km 105,1 - 105.3) überstehen, um danach entspannt die letzten Kilometer abzuspulen.

Das war ein Wochenende nach Maß!

Track der Handbiketour vom 20.07.2019
Track der Handbiketour vom 21.07.2019

15. Juli 2019

Heimsuchung

Drei Tourentage in der Heimat liegen nun schon wieder hinter mir. Dabei war das Wochenende hinsichtlich des Wetters eher bescheiden. Denn eigentlich wollte ich am Sonnabend mit Freunden zum Elbeschwimmen nach Stadt Wehlen. Angesichts der Temperaturen und in Erwartung von unfreiwilligen Duschen haben wir uns die Aktion jedoch erspart.

Erstaunlich, daß an diesem Tag alternativ trotzdem eine ganz passable Runde mit dem Handbike heraussprang. Dabei hatte ich wirklich das Glück, immer genau dort unterwegs zu sein, wo es gerade nicht regnete. Doch bei der Waschküche brauchte man gar keinen Regen, um komplett naß zu werden. 100% Luftfeuchte, Nebelfetzen und aufliegende Wolken - Wohlfühlklima ist etwas anderes. Die paar Radsportler, die ich unterwegs traf, konnte man jedenfalls an einer Hand abzählen.

Als ich bereits in der elften Stunde das Kirnitzschtal in Richtung Bad Schandau fuhr, wunderte ich mich, daß mir ab dem Lichtenhainer Wasserfall gar keine Straßenbahn begegnete. Überhaupt war sehr wenig Verkehr auf der Straße, und einige Mal bemerkte ich, daß mir Autos wieder entgegenkamen, die mich zuvor überholt hatten. Das Rätsel löste sich bald auf. Unmittelbar nach dem Forsthaus sowie in Höhe des Campingplatzes Ostrauer Mühle waren Schlammlawinen abgegangen. Die Einsatzkräfte beräumten gerade noch die Straße und begutachteten die Schäden. Es sah wirklich beängstigend aus. Solche durch den Starkregen des vorangegangenen Abends verursachten Zerstörungen habe ich in diesem idyllischen Tal noch nie zuvor gesehen. Dabei ist das hier nun schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit passiert. Wenn es so weitergeht, sehe ich für das Kirnitzschtal schwarz. Die Schadensereignisse häufen sich hier nämlich auffällig.

Am Sonntag fuhr ich ziemlich ins Blaue. Draußen war es immer noch grau und feucht, deshalb machte ich mir vorher keine Pläne. Schließlich erarbeitete ich mir Stück für Stück die Tour, dabei immer nur die grobe Peilung für die nächsten 15 - 20 km im Auge. Auf dem ersten Drittel der Runde sammelte ich Höhenmeter im Osterzgebirgsvorland, danach querte ich das Elbtal und rollte anschließend mit dem Wind im Rücken rechtselbisch bis Radeberg, bevor ich endlich südwärts nachhause abbog. Unter diesen Bedingungen reichte das völlig aus. Die Heldentaten hebe ich mir für später auf.

Heute nun konnte ich über den Kamm einen Vorstoß ins Böhmische unternehmen. Es war zwar immer noch ein kühler Tag ohne Sonne, doch wenigstens nicht so feucht, wie am Wochenende. Vorher suchte ich mir noch ein paar Anstiege zusammen, ehe ich dann wieder mal auf meiner Standard(renn)strecke über Eulau (Jílové) ins Elbtal und dort danach zurück in die Heimat fuhr.

Blick vom linksseitigen Elberadweg zum Vorderen
Torstein in den Schrammsteinen (Aufnahmeort)
Diesmal kletterte ich sogar nach Tetschen (Děčín) noch einmal hinauf bis Mittelgrund (Prostřední Žleb). Bis das heutige Teilstück des Elberadwegs gebaut wurde, mußten Radler immer diesen Anstieg auf sich nehmen, wenn sie nicht kilometerweit auf einer schlechten Schotterpiste bzw. einem Wiesenpfad fahren wollten. Von Westen her erwartete die Pedaleure dabei auf dem schmalen Asphaltsträßchen sogar eine echt brutale Steilrampe, die ich nie in einem Zug geschafft habe. Jetzt fährt man hier oben ganz allein, bis auf den geringen Anlieger-Kraftverkehr kommt hier niemand mehr vorbei. Und das alles nur paar Minuten abseits vom Trubel auf dem beliebten Flußradweg.

Drei Tage, 350 km und 3500 Hm. - Vor genau einem Jahr war ich auf meiner Rundfahrt rund um den Mont Blanc (s.a. Bericht). Heuer wird es wohl noch ein Weilchen bis zu meiner Alpenfahrt dauern. Ich hoffe, ich muß das Vorhaben nicht abblasen, weil es dafür dann zu spät ist. Aber es gibt vorher noch eine ganze Menge zu organisieren. Ob ich das schaffe?

In einem Monat bin ich schlauer ...

Track der Handbiketour vom 13.07.2019
Track der Handbiketour vom 14.07.2019
Track der Handbiketour vom 15.07.2019

8. Juli 2019

Am Ende dieser Tage

Mein Kuraufenthalt in der Median-Klinik Bad Tennstedt neigt sich dem Ende entgegen. Schon am nächsten Wochenende werde ich meine Kreise wieder in der Heimat ziehen.

Davor ging es aber noch einmal hoch hinauf. Beim Gespräch mit einem fahrradbegeisterten Therapeuten stellte sich nämlich heraus, daß ich den Großen Inselsberg im Thüringer Wald sowie den "Rennsteig" genannten Kammwanderweg des Mittelgebirges durchaus in eine Rundtour einbinden konnte. Meine hiesigen Handbike-Aktivitäten mit dem 916 m hohen Gipfel zu krönen, war also naheliegend.

Der trigonometrische Punkt erster
Ordnung auf dem Großen Inselsberg
(Hommage an meinen Arbeitgeber,
Aufnahmeort)
Die Anfahrt verlief wenig spektakulär, doch am Ortsende von Bad Tabarz zog die Steigung dann beinahe schlagartig an. Wieder grüßte mich ein 8%-Steigungsschild. Scheinbar gab's für den Freistaat Thüringen Mengenrabatt bei der Beschaffung - nirgendwo sonst habe ich bisher so viele solcher Verkehrsschilder gesehen. Dabei waren die ersten zwei Kilometer der Rampe wesentlich steiler. Auch die eigentliche Stichstraße zum Gipfel (s. Track vom 06.07., km 60,0 - 61,4) erforderte noch einmal vollen Einsatz. Die alte und fast durchgängig steile Straße mit z. T. verworfenen und großfugigem Granitsteinpflaster zwang mich mehrmals zu Atempausen.

Leider erwarteten mich auf den anschließenden Offroad-Abschnitten bis zur Neuen Ausspanne (s. Track vom 06.07., km 63,9 - 66,7 sowie 68,5 - 77,8) auch wieder endlos lange Schotterpassagen, die mir den Spaß (und die Durchschnittsgeschwindigkeit) gründlich verdarben. Dabei hatte ich noch Glück: während einer Pause vor dem zweiten Teilstück empfahlen mir nämlich zwei einheimische Mountainbiker eine wesentlich gängigere Streckenvariante, welche ich dann auch gefahren bin. Belohnung war danach die sausende Abfahrt bei nahezu optimalem Gefälle bis Tambach-Dietharz und dann weiter auf dem separaten Apfelstädt-Radweg.

Kurz hinter Georgenthal trafen mich die zwei Mountainbiker wieder, welche oben eine ausgiebige Mittagspause in einem Berggasthof gemacht hatten. Es war sehr angenehm, mit ihnen zu schwatzen, denn sie begleiteten mich noch ein Stückchen und wiesen mir dann beim Abschied noch den Weg. Es war der gleiche, den ich nehmen wollte.

Den Wind im Rücken und nur noch eine nenneswerte Steigung - eigentlich hätte ich entspannt sein können. Doch die Zeit drückte, weil ich unbedingt zum Abendbrot zurück in der Klinik sein mußte. Die Offroad-Abschnitte im Thüringer Wald hatten mich viel Zeit gekostet, beinahe zu viel. Deshalb drückte ich nun, was der Körper noch hergab, in die Kurbeln. 17.30 Uhr war ich zurück.

Die Nacht kurz, und trotzdem am Morgen frisch. Erstaunlicherweise war die anstrengende Tour des Vortages kräftemäßig für mich nahezu folgenlos geblieben. Am Sonntag stand sowieso nur noch eine entspannte Ausrolltour auf dem Plan. Einmal rund um Bad Tennstedt, mit Sömmerda als einziger größerer Ortschaft und dem Unstrut-Radweg im letzten Drittel der Runde. Die einzigen nennenswerten Anstiege lagen dabei bereits nach der Hälfte der Strecke hinter mir. Doch auch auf dieser Runde bremsten mich mehrere schlechte Streckenabschnitte aus, die zahlreichen Pflasterstraßen durch kleinere Ortschaften mal gar nicht mit eingerechnet.

Typisches Panorama über das Land zwischen Thüringer Wald und Harz (Aufnahmeort)
Solche Bedingungen, wie ich sie hier beim Radfahren öfters vorfand, hätte ich in Thüringen nicht erwartet. Aber abseits der Hauptstraßen und der touristischen Sehenswürdigkeiten ticken auch hier die Uhren ganz anders. Bei manchem abgelegenen Dorf kam ich mir vor, wie in einer anderen Zeit. Landflucht scheint auch hier ein Thema zu sein.

Die letzten Kilometer nach Bad Tennstedt ärgerte mich kräftiger Gegenwind, doch irgendwann war auch das vorbei. Als letzte Aktion im Handbike fuhr ich schließlich auf den Österberg oberhalb von Bad Tennstedt. Dort soll es einen Grabhügel mit vorchristlicher Kultstätte geben. Gesehen habe ich davon jedoch nichts.

Ich werde es überleben.

Track der Handbiketour vom 06.07.2019
Track der Handbiketour vom 07.07.2019

Übersicht aller Touren ab Bad Tennstedt

5. Juli 2019

Artikel in der Sächsischen Zeitung vom 05.07.2019

In den vergangenen drei Monaten gab es in der Sächsischen Schweiz überdurchschnittlich viele tödliche Abstürze beim Bergsteigen. Das wird inzwischen auch von der regionalen Presse ausgewertet.

In diesem Zusammenhang ist auch der nachfolgende Artikel zu sehen. Da ich zuhause ziemlich präsent bin und nicht nur den Medien bekannt ist, daß ich mein Handicap ebenfalls durch einen Kletterunfall erworben habe, bat mich eine Mitarbeiterin der Sächsischen Zeitung um ein Interview zum Thema.

Nun kann ich allerdings leider schon lange nicht mehr klettern und bin deshalb über die ganz aktuellen Entwicklungen in der Szene nicht informiert. Trotzdem beschäftigt mich gerade aufgrund meines Unfalls die anhaltende Diskussion um die sächsische Kletterethik. Denn nach wie vor zähle ich mich zu den Traditionalisten, die gegen eine Aufweichung der durchaus strengen Regeln unserer Altvorderen sind und in den hohen Anforderungen an die Psyche (unter Kletterern sinnigerweise auch "an die Moral" bezeichnet) das für meine Heimat Spezifische sehen, welches nicht den Vorstellungen der modernen Spaßgesellschaft geopfert werden darf. (Siehe dazu auch meinen Beitrag für den Kletterkalender 2016 von Mike Jäger.)

Nicht zuletzt deswegen habe ich mich also zum Gespräch bereiterklärt. Da ich den Text vor dessen Veröffentlichung auf inhaltliche Richtigkeit überprüfen konnte, gibt dieser Beitrag tatsächlich meine Meinung wider. Zwar etwas verkürzt, weil eigentlich noch viel mehr darüber zu sagen wäre. Aber doch so, daß ich mich damit identifizieren kann.

Hier nun der Artikel zum Nachlesen (das Anklicken der Vorschaugraphik öffnet das Bild in einer neuen Ansicht, eine Vergrößerung ist über die Option "Link in neuem Tab öffnen" mit der rechten Maustaste optional möglich).

30. Juni 2019

Weichgekocht

Die Hitze hat das Land fest im Griff. Zwar konnte ich wegen meines frühen Starts immer noch viele Kilometer bei erträglichen Temperaturen fahren, doch spätestens in der zehnten Stunde war die Schonzeit vorbei. Dann half nur noch Schatten, am besten durch ein größeres zusammenhängendes Waldstück.

Monet'sche Mohnfelder auf dem Weg nach Keula (Aufnahmeort)
Freilich ist das bei meinen Touren bisher eher Mangelware gewesen. Aber meine heutigen beiden großen Anstiege auf die Höhenzüge des Dün (s. Track vom 30.06., km 33,9 - 36,5) und der Hainleite (s. Track vom 30.06., km 59,0 - 62,0) verliefen zu einem großen Teil in angenehm kühlem Wald und machten diese Kilometer um einiges erträglicher. Wobei mir allerdings vor allem der nordseitige Anstieg auf die Hainleite von Kleinfurra nach Straußberg ordentlich einheizte. Auch an dieser Straße steht eines der beinahe schon obligatorischen 10%-Steigungsschilder, doch waren es in Abschnitten zur Abwechslung mal mehr. Oder kam es mir nur wegen der Hitze so vor?

Jedenfalls entschloß ich mich noch vor Großenehrich, dem Leiden ein Ende zu setzen. Statt - wie geplant - im großen Bogen wieder zum Ausgangsort zurückzukehren, wählte ich schließlich die Direktvariante. Gerade so viel, um mein Minimalsoll abzuhaken. Noch vor halb zwei hatte ich's dann überstanden. Inzwischen zeigte das Thermometer 35°C im Schatten ...

Auf meiner Sonnabend-Tour ging es wesentlich moderater zu. Sowohl, was die Temperaturen betraf, als auch hinsichtlich der Steigungen. Die ersten 35 km führten nur durch flaches Terrain - gut zum Warmfahren und gut zum Meter machen. Morgens brauchte ich bei ca. 10 - 12°C nämlich immer noch eine Jacke.

Spätestens beim Anstieg auf den Ettersberg zum Konzentrationslager Buchenwald erreichte ich dann meine Betriebstemperatur. Leider hatte ich mich vorher ungenügend informiert, und die Ausschilderung vor Ort half mir nicht unbedingt weiter. Die wichtigen Orte der Erinnerung verpaßte ich deshalb auf meiner Suche. Am Ende wollte ich wenigstens noch zur Aussicht am Glockenturm. Nachdem mehrere Anläufe scheiterten, barrierefrei zum Turm zu gelangen, gab ich entnervt auf. Anderswo wird für Rollifahrer ein möglicher Zugang durch Wegweiser ausgewiesen - hier habe ich das vermißt. Bei solch einem unübersichtlichen Gewirr von Treppen und Stufen wäre das aber dringend anzuraten.

Später in Weimar und danach in Erfurt wurde ich auch nicht so richtig glücklich. Allerdings lag das nun wirklich an mir. Es war wohl vermessen, zu glauben, die weitläufigen Stadtzentren einfach mal eben schnell im Handbike erkunden zu können. Dabei überzeugte mich der erste Eindruck sofort! Beide Innenstädte verfügen über das Flair, um hier auf längere Erkundungstour im Rollstuhl zu gehen. Wenn mir jedoch als Handbiker die Zeit im Nacken sitzt, bleibt der Genuß auf der Strecke. - Na, vielleicht werde ich ja mal wieder zu einer Talk-Show nach Erfurt eingeladen ... 😉 Dann würde ich mir unbedingt Zeit für einen gepflegten Stadtrundgang nehmen.

Für den Rückweg habe ich ab Erfurt auch etliche Kilometer den Nessetal-Radweg genutzt (s. Track vom 29.06., km 86,0 - 111,1). Der war auf diesem Teilstück nahezu komplett asphaltiert und ließ sich daher - weit abseits vom Kraftverkehr - sehr gut befahren. Nur bei den Ortschaften wurde es wieder ähnlich, wie ich es vor Jahren in Mecklenburg erlebt hatte: Auf Nebenstrecken endet der Asphalt nicht selten am Ortseingang und beginnt erst wieder am Ende des Dorfes. Weil sich das Granitsteinpflaster dazwischen meist nicht auf glatten Gehwegen umfahren läßt, wird dadurch das Bike und natürlich auch der Fahrer gründlich durchgeschüttelt. Meine Begeisterung dafür hielt sich in Grenzen.

Die letzten knapp 30 km zogen sich wieder etwas in die Länge, doch war der gewählte Streckenverlauf immer noch der entspannteste Heimweg. Obwohl es an diesem Tag noch nicht so heiß wie heute wurde, rannen auf diesem letzten Viertel zuletzt fast alle Flüssigkeitsvorräte, die ich mir so lange aufgehoben hatte, durch die Kehle. Aber sobald ich einmal damit anfange, verkürzen sich die Trinkpausenabstände immer mehr. Das ist vielleicht auch eine Kopfsache - doch möchte ich gern diejenigen kennenlernen, welche unter diesen Bedingungen auf 140 km mit nur 2,5 l Flüssigkeit klarkommen.

Sehr viele dürften das nicht sein.

Track der Handbiketour vom 29.06.2019
Track der Handbiketour vom 30.06.2019

24. Juni 2019

Keine Kompromisse

Das zweite Wochenende meines Rehaaufenthalts in der Median-Klinik Bad Tennstedt liegt hinter mir. Natürlich war ich wieder an beiden Tagen mit dem Handbike unterwegs.

Gleich am Sonnabend stand bei mir das nächste bedeutende Ziel auf dem Tourenplan: die Wartburg bei Eisenach. Es wird wohl im Jahr 2000 gewesen sein, daß ich dort zuletzt - damals bereits im Rollstuhl - gewesen bin. Wieder startete ich sehr früh (meine Schwester nennt das "senile Bettflucht"). Dabei sollte es tagsüber gar nicht übermäßig warm werden. Doch etwas Zeitpuffer nach hinten raus ist mir immer lieber.

Inzwischen lasse ich mich nicht mehr von der Radwegekarte leiten, sondern fahre meist auf den regulären Straßen. Das ist angesichts des geringen Verkehrs prinzipiell auch kein Problem, denn selbst auf den hiesigen Bundesstraßen herrscht oftmals gähnende Leere. Auch gut.

Jedenfalls kam ich dadurch sehr gut voran, so daß 9.00 Uhr schon die ersten 50 km hinter mir lagen. Die Fahrt von Langula über den Hainich hinunter ins Werratal nach Nazza und weiter bis Mihla war dabei - was die Strecke betrifft - endlich mal so, wie ich es mir wünsche: abwechslungsreich mit fordernden und auch entspannten Abschnitten (s. Track vom 22.06., km 38,0 - 51,5). So richtig häßliche Rampen scheint es hier sowieso nicht zu geben, weshalb vermutlich schon an Bergen mit 8% Steigung Warnschilder stehen.

Am Beginn der Auffahrt zur Wartburg kündigte mir dann aber ein Verkehrsschild 15% Steigung an. Das schien allerdings ziemlich übertrieben, es waren wohl eher so um die 12%, und das nur auf ca. 300 m. Ab den Besucherparkplatz direkt unter der Burg ist die Straße eigentlich für Fahrräder gesperrt, doch ich setzte mich über das Verbot hinweg. Schließlich ist bei Radtouren ja mein Handbike der Rollstuhlersatz. Diese letzten 500 m bis zum Burgtor verlangten jedoch tatsächlich meinen vollen Einsatz. Auf einer Pflasterstraße ging es zunächst steil aufwärts, bis nach der letzten Rechtskurve quasi eine Wand vor mir stand. Bei glattem Straßenpflaster mit mindestens 18% Steigung (wahrscheinlich sogar mehr) auf 30 - 40 m Länge verlor das Vorderrad sogar zeitweise die Traktion. Nur mit einigen Fahrtricks konnte ich mich in flacheres Gelände retten.

Vor der Wartburg oberhalb von Eisenach (Aufnahmeort)
Aber es hat sich gelohnt. Als ich mich nach ausgiebiger Fotopause vor dem Burgtor entschloß, noch in die Burg zu fahren, stellte ich überrascht fest, daß dafür kein Eintritt erhoben wird. Das krasse, unbedingt positive Gegenbeispiel zum Kyffhäuser ... Die Innenhöfe der Wartburg waren dabei größtenteils barrierefrei zugänglich - ein weiterer Grund, weshalb ich den Besuch für Rollifahrer nur empfehlen kann. Vom Besucherparkplatz zum Burgtor gibt es außerdem einen Shuttleservice, den ganz sicher auch mobilitätseingeschränkte Besucher nutzen können. Ob das etwas kostet (vermutlich ja), kann ich allerdings nicht sagen. Doch das ist eigentlich unerheblich.

Solcherart gutgelaunt gestaltete sich der Rückweg meist recht entspannt. Zwar fuhr ich nun bei leichtem Gegenwind durch waldloses Gelände, zwar kamen auch hier wieder langweilige, weil schnurgerade Straßen mit einigen weiteren langgezogenen Anstiegen (zum Schnellfahren zu steil, zum schnell an Höhe gewinnen zu flach), am positiven Gesamterlebnis konnte das jedoch nichts mehr ändern. Endlich.

Meine darauffolgende Tour am Sonntag hatte ich als Entspannungsrunde konzipiert. Ursprünglich wollte ich zur Arche Nebra, wo die bekannte Himmelsscheibe zu sehen ist. Da ich mit meinem Handbike sowieso nicht die Ausstellung besuchen konnte und ich den möglichen Abstecher zum  Fundort auf dem Mittelberg gar nicht auf dem Radar hatte, wählte ich als Ziel letztlich nur den Höhenzug der Hohen Schrecke. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig darüber. Zwar wären es dann wahrscheinlich 30 km mehr geworden, doch gerade die Fahrt auf den Mittelberg hätte interessant werden können. - Na ja, dann wird es eben später mal.

So gestaltete sich der Rückweg nach Bad Tennstedt, wie auch schon die Anfahrt: nämlich als ziemlich monotones Kilometerfressen. Lediglich der Abschnitt zwischen Wiehe und Schafau (s. Track vom 23.06., km 67,4 - 77,4) hob sich vom gleichförmigen Einerlei ab. Es gibt eben keinen Kompromiß: Entweder man fährt auf Radwegen mit teils schlechtem Untergrund und kommt deswegen nur langsam voran, ODER man rollt flott und ohne Umwege auf perfekt ausgebauten, aber ätzend monotonen Straßen durch eine Landschaft, die etwa so spannend ist, wie das Lesen eines Telefonbuchs.

Hier werde ich ganz gewiß keinen Radurlaub machen!

Track der Handbiketour vom 22.06.2019
Track der Handbiketour vom 23.06.2019