1. Oktober 2026

Lange Leitung

Die Zeit war reif für die letzte überdurchschnittlich anspruchsvolle Handbiketour des Jahres 2026 in den Alpen. Nachdem ich während des Sommerurlaubs mit meinen Fahrten auf den Großen Speikkogel sowie auf den Monte Zoncolan auch schon sogenannte Hochgebirgsmonumente mit dem Handbike erklommen hatte, sollte nun die Tour auf den Monte Grappa meine diesjährige sehr erfolgreiche Alpenpässejagd abrunden.

Um mir genügend Zeitreserven zu bewahren, fuhr ich am Morgen bereits relativ zeitig los. Doch selbst gegen 8.00 Uhr reichte mir das Kurzarmtrikot aus. Bei 14°C Lufttemperatur und strahlendem Sonnenschein konnte ich mich auf den ersten flachen 24 km bis zum Beginn des Gipfelsturms ab Romano d'Ezzelino ausreichend warmfahren. Nach dem Bericht meines tschechischen Kameraden, welcher mit dem Rennrad zwei Tage zuvor erfolgreich über diese Strecke den Gipfel erreicht hatte, entschied ich mich entgegen meiner ursprünglichen Planung nun ebenfalls für diese Auffahrt.

Von hier verteilten sich nämlich die zu überwindenden (lt. Quaeldich.de) 1500 Hm auf die wesentlich längere Distanz von 27 km (statt 17 km), was in der Mehrheit geringere Steigungsprozente bedeutete. (Mein Navi hat übrigens auf diesem Abschnitt einen Anstieg von knapp 1600 Hm erfaßt.) Damit unterschied sich diese Auffahrt auch grundlegend von den Steilrampen auf den Großen Speikkogel sowie den Monte Zoncolan. Nicht bloße Kraft, sondern vor allem Ausdauer war hier gefordert!

Freilich hatte ich wieder einen perfekten Tag erwischt. Nachdem ich bereits auf der Anfahrt feststellte, daß ich endlich uneingeschränkt belastbar war, trugen erneut optimale Witterungsbedingungen zusätzlich zur Motivation bei. Viel Sonne, aber die Straße immer ausreichend im Schatten der Wälder, nicht zu kalt, nicht zu warm und manchmal ein schwaches Lüftchen, um die Hitze der Muskelmotoren besser abzuleiten.

Noch am Morgen schlug Lád'a vor, mich im Auto während der Gipfeltour zu unterstützen und uns zum Schluß auf dem Scheitelpunkt zu treffen. Nun erreichte er mich zum ersten Mal am Ende der Serpentinen nach ca. 9 km des Anstiegs. Es gab Cola als Dopingmittel, außerdem nutzte ich den Zwischenstop, um etwas zu essen. Ab diesem Treffen hielt mein Sportfreund etliche Male für meine Verpflegung sowie als Fotograf an der Strecke, sodaß ich völlig unbesorgt bzgl. meines Flüssigkeitsverbrauchs sein konnte. Dadurch verlief meine Tour im Gegensatz zu einigen Solotouren in den Alpen zuvor insgesamt wesentlich entspannter. Irgendwie war es sehr schön, den Freund im Hintergrund zu wissen ...

Unterhalb des Rifugio Bassano, kurz vor dem Ende
der öffentlichen Straße. Im Hintergrund ist die kurze
Stichstraße zu erkennen, welche hinauf zum Sacrario
Militare del Monte Grappa am Horizont in Bildmitte
führt (Aufnahmeort)
Nach zwei bis drei konditionellen Durchhängern unterwegs, kam ich schließlich kurz nach 16.00 Uhr auf dem Gipfel an, wo mich Lád'a ein letztes Mal an diesem Tag erwartete. Er hatte auch schon mit dem Soldaten in der dortigen Kaserne gesprochen und die Erlaubnis dafür erhalten, daß ich ausnahmsweise über die sonst für den Verkehr komplett gesperrte kurze Stichstraße, deren Zugang zudem mittels Ketten gesichert ist, mit den Handbike hinauf zum Kriegerdenkmal fahren darf. Dort oben verbrachten wir ein paar schöne, doch gerade auch nachdenkliche Momente. Fast 23.000 Gefallene nur einer einzigen Schlacht sind dort begraben, die meisten der Toten namenlos. Warum lernen die Menschen nie aus solchen Katastrophen und wollen sich erneut die Köpfe einschlagen, sobald die letzten Zeitzeugen, die den Krieg am eigenen Leib erfahren haben, gestorben sind?! - Der nächste große europäische Krieg wird im nuklearen Inferno der letzte sein!

Kurz nach halb Fünf stürzte ich mich endlich in die Abfahrt. Vorbei am sogenannten Panettone, dem wichtigsten Startplatz der Paraglider, die vom Monte Grappa aus talwärts fliegen, konnte ich es dabei trotz des häufigem Bremsens relativ locker laufen lassen. Denn vor meiner Abfahrt vom Quartier hatte ich dort in einer Hauruck-Aktion gemeinsam mit meinem Sportfreund die Bremsbeläge meiner hydraulischen Scheibenbremse gewechselt, eine Sache von 3 - 4 Minuten. Nun war ich froh, es getan zu haben.

Vom Ende der Abfahrt in Semonzo del Grappa bis zum Quartier benötigte ich schließlich noch einmal etwas mehr als zwei Stunden und kam dadurch vor meiner Ankunft in die Dunkelheit. Aber auch das störte mich nicht, weil ich mir sowieso die Beleuchtung eingepackt hatte. Bei immer noch angenehmen 22°C erlebte ich am letzten Septembertag die letzten Kilometer wie in einer lauen Sommernacht.

Die Freude über das Erlebte tief in mir.

Auf dem Weg der Besserung

In den vergangenen drei Tagen jagte ein Höhepunkt den anderen. Ich werde nun versuchen, alle Ereignisse seit Montag aufzuarbeiten.

Nach der ersten Tour in Venetien hatte ich ja noch über Unwohlsein geklagt. Leider wurde es zu Beginn der neuen Woche nicht besser. Dennoch wollte ich die Zeit nicht tatenlos im Quartier verbringen, sondern wenigstens eine kurze Ausfahrt im flachen Gelände unternehmen. Dafür eignete sich die Empfehlung meines Kameraden perfekt, nämlich die Altstädte von Marostica und Bassano del Grappa zu besichtigen. Der mittelalterliche Stadtkern von Marostica sowie u.a. die Holzbrücke "Ponte degli Alpini" in Bassano zählen zu den überregionalen Sehenswürdigkeiten in diesem Gebiet.

Die Anfahrt dorthin strengte mich trotz geringer konditioneller Anforderung mehr an als sonst - ein Zeichen dafür, daß ich gesundheitlich noch nicht über'n Berg war. Doch die Erkundung der beiden genannten Städte entschädigte mich reichlich. Es erwies sich als die beste Idee, den Tag sinnvoll zu nutzen, auch wenn ich am Nachmittag geschafft wie nach einer langen Tour war. Noch sah es überhaupt nicht gut aus für mein größtes geplantes Projekt.

Daher entschlossen sich Lád'a und ich, zunächst noch einen weiteren Tag ohne nennenswerte sportliche Aktivitäten zu verbringen. Statt, wie geplant, zu einem späteren Zeitpunkt, mit dem Auto einen Abstecher nach Venedig zu unternehmen, stand extrem kurzfristig bereits am Dienstag der Besuch dieser Stadt auf dem Programm. Leider verpaßten wir aus diesem Grund den letztmöglichen Zeitpunkt (nämlich mindestens 24 Stunden zuvor), einen der kostenfreien Rolliparkplätze im großen Parkhaus online zu reservieren und mußten schließlich auf die Bezahlvariante ausweichen, was uns dann 35,- EUR kostete.

In Venedig auf dem Markusplatz vor
dem Markusdom (Aufnahmeort)
Um als Rollifahrer die verschiedenen barrierefrei zugänglichen Orte bzw. Ortsteile zu erreichen, ist man auf sogenannte Vaporetti angewiesen, dem öffentlichen Nahverkehr auf den Kanälen der Lagunenstadt. Für die Wasserbusse waren die Ticketpreise erfreulich fair: für mich inkl. Begleitperson 1,50 EUR pro Fahrt. Wir erwarben gleich mehrere Fahrscheine am zentralen Startpunkt bei der Piazzale Roma, die wir dann nach und nach entwerteten. Manchmal mußten wir lediglich auf die andere Seite des Canal Grande, benötigten aber hier ebenso ein Ticket. Dennoch wurde es ein ganz besonderes Erlebnis, zumal wir anfangs damit eine Art Stadtrundfahrt auf dem Wasser unternahmen. Für den schnellen Transfer ist das Vaporetto zwar ungeeignet, weil es oft bereits nach wenigen 100 m - manchmal sogar nicht einmal so weit - erneut anlegte, doch wir hatten ja alle Zeit der Welt!

Nach der morgendlichen Schweißattacke im Bett fühlte ich mich inzwischen auch wieder richtig gut. (Solche Schweißausbrüche sind bei mir im Krankheitsfall immer ein ziemlich sicheres Indiz dafür, daß das Schlimmste überstanden ist.) Deshalb genoß ich unseren Ausflug umso mehr. Freilich benötigte ich wegen der Steilheit der Rampen selbst über die barrierefrei ausgebauten Brücken immer die Hilfe meines Begleiters, doch konnten wir wir viele Orte auch abseits der Touristenströme erreichen. Mit etwas besserer Vorbereitung (bei einer weniger kurzfristigen Entscheidung) wäre sich auch noch mehr möglich gewesen, doch insgesamt haben wir an diesem Tag ebenfalls eine ganze Menge gesehen.

Ich jedenfalls war abends ziemlich erledigt und hatte keinerlei Bedürfnis, gleich noch einen Beitrag hier zu veröffentlichen. Das allerbeste an diesem Tag war jedoch, daß ich mir nun ziemlich sicher war, für die nächsten sportlichen Herausforderungen wieder voll einsatzbereit zu sein.

Monte Grappa, ich komme!